hALLO Neurodivergenz
Nachdem ich letztes Jahr meine kleine Straßenmusik-Tour von Halle bis nach Regensburg, vorbei an Thomann und über Leipzig zurück, durchgezogen hatte, ging es steil bergab. Von heute auf morgen, so über Nacht wie einen eine üble Grippe überrascht. Ich war wie gelähmt und verstand nicht warum. Als es dann gar nicht mehr ging, suchte ich mir Hilfe. Auf diesem Weg lernte ich mich neu kennen. Das mit dem ADS war bereits ein Jahr zuvor bekannt geworden, nun rückte das Autismus-Spektrum auf den Wahrnehmungsschirm. Was ich nicht wusste: dass ich mit der Medikation bezüglich des ADS das Fass eigentlich zum überlaufen brachte. Während 2025 der Abschluss meines Bachelor of Arts auf Hochtouren lief, ballerte ich Medikinet um den Ansprüchen der Leistungsgesellschaft gerecht zu werden: mit Erfolg! Wo ich zuvor nur eine Hausarbeit pro Semester bewältigt hatte, schrieb ich nun alle übrigen fünf angestauten innerhalb der letzten Semesterferien nieder. Kurz danach überzeugte ich mit meiner Bachelorarbeit und der Note 1,3. Endlich war es amtlich: ich=intelligent. Während sich mein Umfeld an meinen Ergebnissen labte, kickte mich der Rebound-Effekt in einer andere Stratosphäre. Ich brauchte eine Pause von diesem Medikament, das chemisch verwandt mit Amphetaminen ist. Die Isolation durch Corona, das Studium, die Betreuung eines nahestehenden Familienmitgliedes und nicht zuletzt das Methylphenidat hatten mich ausgebrannt. Nach dem Hilfeschrei und einigen Wegen stand eine neue Diagnose: Autismus-Spektrum. Irgendwie anteilig, für lange Reden keine Zeit in unserem Gesundheitssystem. Neue Medikamente sollten die Lösung sein. Wenn diese wie gewünscht wirken würden, wäre die Diagnose wohl nicht vordergründig. Ich war nicht begeistert, aber willenlos, denn vollkommen am Ende im Herbst 2025. Die Kehrtwende überraschte mich dann doch. Bereits nach zehn Tagen mit dem neuen Medikament (Escitalopram in Tropfenform) war ich ein neuer Mensch. Ich hatte vergessen, wie es sich anfühlt, glücklich zu sein oder überhaupt zu SEIN. Und da saß ich nun: mit meiner Currywurst in der Hand, die Sonnenstrahlen des Spätherbstes auf der Brust - auf einer Klappbank zwischen ein paar fremden Rentnern. Doch es war wohl einer der schönsten Momente meines Lebens.

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